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Ein markanter Bestandteil des Rintelner Stadtbildes ist bald Geschichte

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(Rinteln) Noch steht es, doch die Entkernung hat unübersehbar begonnen. Demnächst rollen Bagger und schwere Baumaschinen an, um das ehemalige Gebäude der Schaumburger Zeitung abzureißen. Auch das ehemalige „Tedi“-Gebäude soll weichen. Dann entsteht an dieser Stelle der viel diskutierte Neubau eines Seniorenwohnheims mit Dialysestation im Erdgeschoss (wir berichteten).

„Die ehemalige Geschäftsstelle der Schaumburger Zeitung, ein überregional bedeutendes Zeugnis der Werkbundarchitektur“, so Musemsleiter Dr. Stefan Meyer.

„Die ehemalige Geschäftsstelle der Schaumburger Zeitung, ein überregional bedeutendes Zeugnis der Werkbundarchitektur“, schreibt dazu „Eulenburg“-Museumsleiter Dr. Stefan Meyer in einer Recherche, „noch ist es ein markanter Teil des Stadtbildes in der Rintelner Klosterstraße, bald wird es nur noch Erinnerung sein“.

Blick aus der Kahlergasse auf die beiden Grundstücke, auf denen künftig der Neubau des Gebäudekomplexes mit Tiefgarage stehen wird.

Es handelt sich dabei laut Meyer um markante, zeittypische und zugleich qualitätvolle Werkbundarchitektur aus dem Jahr 1926: „Sie ist hier nicht nur äußerlich, sondern auch mit ihrer Ausstattung in Inneren hervorragend gut erhalten und zugleich das einzige Architekturzeugnis der Weimarer Republik in der gesamten Rintelner Fußgängerzone. Mehr als 90 Jahre diente das Haus unverändert seinem Bestimmungszweck als Redaktionsgebäude.“

Architekt war seinerzeit der Paderborner Max Heidrich (1876 – 1945), ein vielseitiger, damals hochmoderner Architekt und zugleich einer der bedeutendsten deutschen Möbel- und Interieurdesigner der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Max Heidrich.

Weiter führt Meyer aus: „Heidrich war bereits vor dem ersten Weltkrieg Mitglied im berühmten „Deutschen Werkbund“, einem Zusammenschluss von rund 100 Architekten, Grafikern und Designern, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, einer neuen Reformästhetik zum Durchbruch zu verhelfen. Als „Geschmackskartell“, das alle Bereiche der Gestaltung „vom Sofakissen zum Städtebau“ in den Blick nahm, wollten die Werkbündler eine ganz neue Stilrichtung begründen. Klare Linien und Farben, sehr dezente, aber umso phantasievollere, futuristische Ornamente, Qualität in der Ausführung verknüpft mit modernen Materialien und Fertigungstechniken lautete das Credo dieser elitären Vereinigung, der tatsächlich einiger Erfolg beschieden war. Sie legte in Deutschland den Grundstein für die nachfolgende Architektur des Bauhauses, die bis heute stilprägend geblieben ist.

Annonce im Rintelner Adressbuch aus dem Jahr 1927.

Max Heidrich, ein gelernter Bautischler, stieg bis 1910 zum Chefdesigner der Paderborner Möbelfabrik „Werkstätten Stadler“ auf. In dieser Funktion kam er auch in den Kreis anderer fortschrittlicher Gestalter und wurde aktiver Teilnehmer an der ersten großen Ausstellung der Deutschen Werkbundes 1914 in Köln. 1926 machte er sich als Architekt selbstständig und baute sowohl in einer an traditionellen Bauproportionen orientierten, aber vom Historismus abgelösten Sachlichkeit (wie in Rinteln) als auch im Bauhaus-Stil der Moderne (Kaufhaus Klingenthal in Paderborn, 1928).

In Rinteln war es Franz Brock, der Herausgeber der Schaumburger Zeitung, der Heidrich den Auftrag für den Neubau des Hauses erteilte. Brock war ein ausgesprochen konservativer und an kultureller Tradition orientierter Pressemann und scheint beim Abbruch des alten, stattlichen Vorgängerhauses ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben. Sicherlich nicht zufällig nahm der Neubau Proportionen und Gestaltungselemente des alten Fachwerkhauses auf und fügte sich bestmöglich in die vorhandene Bebauung in der Klosterstraße ein.

Im Inneren des Gebäudes.

Auch für seinen Architekten war das Rintelner Projekt maßgeschneidert. Denn Heidrich entwarf nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch die Innengestaltung mit Täfelungen, Treppengeländern und Stuckdecken. Mit kräftigen, ursprünglich dunklen Holztönen, filigranen, minimalistischen Ornamenten und einer auffallenden Klarheit in allen Formen war er auf der Höhe seiner Zeit und folgte dem zeitgemäßen Geschmack des Art Decó. Besonderes Augenmerk legte Heidrich auf die Funktionalität der Raumaufteilung. Die Anordnung und der Zuschnitt der Räume stand im Zeichen der bestmöglichen Nutzbarkeit und schloss Dielen und Dielen und Treppen mit ein. Die Vermeidung unnützer, schlecht beleuchteter Winkel war Heidrich ein wichtiges Anliegen, das auch in Rinteln zur Geltung kam.

Bei dem rückwärtigen Anbau an das Redaktionsgebäude, einem Wintergarten über dem Hofeingang, verwendete Max Heidrich auch Bauteile aus Beton, und zwar auch hier in einer bemerkenswerten Qualität. Noch heute, nach fast 100 Jahren sind sie unverändert gut erhalten, keine Selbstverständlichkeit bei späteren Bauten, etwa aus den 60er und 70er Jahren. Die in diesem Fall noch spärliche Verwendung von Sichtbeton könnte man auch als Vorgriff auf die nachfolgenden Bauprojekte Heidrichs interpretieren. Bei ihnen handelte es sich um Großprojekte wie Kaufhäuser, Kinos, Wohnbauten und öffentliche Gebäude, überwiegend im Bauhausstil. Sie entstanden in Paderborn und stehen dort, soweit noch vorhanden, unter Denkmalschutz.

(Text: Dr. Stefan Meyer)

Dr. Meyers Recherchen stützen sich auf folgende Quellen:
• Klaus HOHMANN, Neues Bauen und Wohnen. Der Paderborner Designer und Architekt Max Heidrich, in: die warte, 162, 2014, S. 28 – 32
• Klaus HOHMANN, Vita und Wirken des Paderborner Designers und Architekten Max Heidrich (1876-1945), in: Westfalen, Bd. 96, 2018 S. 155 – 188.
• Eigene Fotografien, eigener Augenschein
• Adressbuch Rinteln 1927, Annonce Schaumburger Zeitung
• Bauakte Bauamt der Stadt Rinteln
• Fotos Heidrich, Kaufhaus Klingenthal: Stadtarchiv Paderborn

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