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Eine Ausstellung, die keinen kaltlässt: Weisser Ring zeigt "Opfer" in der Sparkasse Schaumburg

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Die Sparkasse in der Klosterstraße: Zwischen der Drehtür und den Kontoauszugsdruckern steht eine Menschenmenge.

Plötzlich Geschrei, ein Paar streitet sich lautstark. Der Mann wird handgreiflich, droht und schimpft. Alle Blicke sind auf den Tumult gerichtet, einige der anwesenden Gäste greifen ein, verhindern Schlimmeres.

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Diesmal ist die Szene nur gestellt. Leider passiert so etwas (zu) häufig in echt. Und viele sehen zu.

Gewalt in der Bank? Gottseidank nur eine schauspielerische Meisterleistung von Holger Pape und seiner Kollegin Birte Meyer vom Improvisationstheater „Spek Spek“ aus Kleinenbremen. Nur wenige waren eingeweiht, die Überraschung ist gelungen. Was wäre wenn..?

Anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung „Opfer“ des „Weissen Rings“ im Foyer der Sparkasse Schaumburg griffen die Organisatoren zu solch drastischen Live-Mitteln um die schockierende Präsenz der Gewalt im Alltag und der Öffentlichkeit zu unterstreichen. Rainer Bruckert, Landesvorsitzender des weissen Rings Niedersachsen, erzählte von drei Gewalttaten die alle eine Gemeinsamkeit hatten. Egal ob im Fall von Catherine Genovese, die 1964 in New York ermordet wurde, der Vergewaltigung eines 17jährigen Mädchens 1997 in der Hamburger S-Bahn oder des brutalen Angriffs einer Gruppe Jugendlicher auf einen jungen Mann an einer Bushaltestelle in Braunschweig 2013 – in allen Fällen sahen zahlreiche Zeugen herzlos zu, sprang niemand dem Opfer bei, holte niemand Hilfe.

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Rainer Bruckert, Weisser Ring Landesvorsitzender Niedersachsen, spricht über die Ausstellung „Opfer“.

Den Opfern ein Gesicht geben in einer „Ausstellung, die keinen kalt lässt“, mit schockierenden und verstörenden Bildern – das sei die Idee der im Jahre 2003 in Thüringen geborenen Ausstellung, so Bruckert. Prof. Werner Holzwarth und Peter Gamper von der Bauhaus Universität Weimar nahmen sich mit ihren Studenten des Themas an und recherchierten in Protokollen und Aussagen von Tätern und Opfern und stießen dabei vielfach an ihre eigenen Grenzen. Die Opfer bekamen plötzlich ein Gesicht, die Bilder gingen nicht mehr aus dem Kopf.

Das Resultat, eine außergewöhnliche Kampagne mit über 100 Arbeiten, wurde im Sommersemester 2013 umgesetzt. Die Bilder, allesamt gestellt und doch so real, setzen auf eine emotionale Wirkung.
Ein Bürotisch mit Telefon und Terminplanern, daneben ein Bilderrahmen mit Foto. Auf dem Foto ist kein idyllisches Familienleben zu sehen, sondern eine Frau mit abgewendetem Blick, Blutergüssen und Wunden im Gesicht und geschwollenen Lippen. Darunter der knappe Kommentar „Nicht jedes Familienbild kommt ins Album“. Oder ein anderes Motiv, diesmal ein Kinderzimmer mit Bett und Spielteppich. Ein normales Idyll, möchte man meinen. Wenn da nicht die Überschrift „Folterkammer“ wäre.

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Über 90.000 Besucher haben die Ausstellung „Opfer“ bisher gesehen. Auch Schulklassen der weiterführenden Schulen haben die Inhalte zum Thema gemacht. Nach einer ausführlichen Vorbesprechung im Unterricht werden auch sie in Klassenführungen durch die Ausstellung gehen. Die verstörendsten aller Bilder sind im hinteren Bereich angebracht, viele dieser Motive sind so erschütternd, dass einigen Besuchern beim Eröffnungstermin die Tränen in den Augen standen.

Dirk Ackmann von der Sparkasse Schaumburg wies im Rahmen der Eröffnungsrede, die mit dem Musikvideo „Manchmal haben Frauen“ der Band „Die Ärzte“ eingeleitet wurde, darauf hin dass auch Mitarbeiter der Sparkasse schon mal Opfer gewesen seien. Wer stundenlang bei einem Banküberfall gefesselt auf Rettung warten mußte, für den sind Institutionen wie der weisse Ring eine große Hilfe bei der Aufarbeitung des erlebten Geschehens.

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Auch Polizeipräsident Robert Kruse betonte, wie wichtig es sei, sich um die Opfer von Straftaten zu kümmern: „Die Täter bekommen volle Aufmerksamkeit, auch in den Medien. Dabei vergißt das Opfer nicht so schnell wie der Täter, hat oft lebenslang mit den Folgen, wie einem geringenen raumbezogenen Sicherheitsgefühl und einer hohen Furcht vor erneuter Kriminalität zu kämpfen.“ 70 Prozent der Straftaten werden von örtlichen Tätern begangen, so Kruse. Eine durchgeführte Dunkelfeldstudie kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die Quote der angezeigten Körperverletzungen bei gerade einmal 24 Prozent liegt. Die traurige Wahrheit ist also um den Faktor Vier höher. Auch hier müssen die Menschen sensibilisiert werden, nicht wegzuschauen, nicht wegzuhören. Zu all dem soll die Ausstellung „Opfer“ beitragen.

Die Ausstellung „Opfer“ in Zusammenarbeit mit dem Präventionsrat Rinteln, der Polizei Rinteln und dem „Weissen Ring“ ist bis zum 04.07.2014 im Foyer der Sparkasse Schaumburg in der Klosterstraße während der Geschäftszeiten, Montag bis Donnerstag von 09:00 bis 18:00 Uhr und Freitag von 09:00 bis 16:00 Uhr zu sehen.

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