(Rinteln) Zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 nahmen jetzt wieder etwa 100 Schüler des Gymnasiums Ernestinums an der Aktion „5 Minuten für 6 Millionen“ teil.
Die Gruppen mit Schülern der zehnten Klassen starteten an verschiedenen Orten in der Weserstadt und machten dabei an den verlegten Stolpersteinen halt, lasen aus den Biografien der einst dort lebenden jüdischen Mitbürger Rintelns und ihrer Geschichte vor und gedachten so derer, die während der Zeit des Nationalsozialismus entführt und ermordet wurden und riefen deren Namen ins Gedächtnis.
„Nicht gleichgültig sein, nicht wegschauen, mutig sein und Partei für die Schwächeren ergreifen“. (Thomas Weissbarth, Fachobmann Geschichte am Gymnasium Ernestinum Rinteln)
Die Schülergruppen steuerten zahlreiche Stolpersteine an, darunter die der Familie Stamfort (Seetorstr. 4), Familie Leiser (Marktplatz 1), Familie Levy (Weserstr. 19), Familie Heinemann (Bäckerstr. 53), Wilhelm Ramm (Ritters. 28), David und Wilhelm Lehmann, Familie Brill (Dauestr. 1), Familie Lehmann (Bäckerstr. 12), Familie Kleeberg (Josua-Stegmann-Wall 9), Familie Arensberg (Hafenstr. 34).

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung kamen alle Schüler, sowie einige Rintelner Bürger, auf dem Zugang zum Kollegienplatz zusammen. Dort sind die Stolpersteine von Julius Sundheimer und Leo Schönfeld verlegt. Julius Sundheimer wurde 1895 in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von 19 bis 24 Jahren nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Abschluss seines Studiums erhielt er seine erste Anstellung an einer Oberschule in Frankfurt. Am 1. Oktober 1931 nahm er eine verbeamtete Stelle am Gymnasium in Rinteln an. Hier unterrichtete er Rintelner Schüler in den Fächern Mathematik und Physik.
Ebenfalls in Rinteln lernte er Käthe Stamfort aus der Seetorstr. 4 kennen, die er später heiratete. Nach ihrer Machtübernahme beschlossen die Nationalsozialisten, dass kein Jude mehr deutsche Schüler unterrichten sollte. Julius Sundheimer wurde im Alter von 36 Jahren in den Zwangsruhestand versetzt: Die Familie Sundheimer zog nach Herrlingen, um sich dort auf die Auswanderung vorzubereiten. 1937 wurde der Sohn Hans geboren. Der Plan der Auswanderung ließ sich nicht in die Tat umsetzen. Am 15.12.1941 stiegen sie in einen Zug, der sie ins Ghetto Riga transportierte. Der Sohn Hans war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Die Familie Sundheimer hat die Shoah nicht überlebt.
Leo Schönfeld war im Jahr 1913 der Abiturient mit dem besten Notendurchschnitt und wurde durch ein Geschenk des Kaisers geehrt. Er studierte Jura und arbeitete als Anwalt für eine Bank in Hannover. 1942 wurde er nach ins Ghetto Theresienstadt deportiert. 1944 wurde er ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Leo Schönfeld hat die Shoah nicht überlebt.

Für die Stadt Rinteln erinnerte Dr. Joachim von Meien, Leiter des Amtes für Bildung, Kultur und Sport, an die Befreiung der Überlebenden vor 80 Jahren. Auschwitz stehe sinnbildlich für die menschengemachte Hölle auf Erden, so von Meien: „Wir sind hier versammelt um zu erinnern und zu trauern.“ Man habe das Glück und die Gnade, in einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft aufgewachsen zu sein. „Wir, die Nachgeborenen, sind nicht verantwortlich für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes, aber wir tragen dennoch eine riesige Verantwortung. Wir sind nämlich, jeder einzelne von uns und als Geselschaft, dafür verantwortlich, wie wir mit dem Wissen und den Gräueltaten der Nationalsozialisten umgehen und welche Lehren wir für die Zukunft ziehen.“ Zwar würden Reden meist schnell wieder vergessen werden, doch Gedenkveranstaltungen wie diese mit Bildern und besonders den Stolpersteinen trügen etwas zur Nachhaltigkeit des Gedenkens bei, sagte von Meien.
„Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Anan hat mal gesagt, alles was das Böse benötigt um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit. Die Ereignisse vor 80 Jahren zeigen, dass er recht hatte.“ (Dr. Joachim von Meien)



























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