(Rinteln) In Erinnerung an Ida Stamfort, geb. Uhlmann, und Bernhard Stamfort wurden jetzt zwei neue „Stolpersteine“ vor dem Haus Seetorstraße 4 verlegt.
Die Geschichts-Leistungskursklasse 13 von Lehrer Thomas Weißbarth vom Gymnasium Ernestinum übernahm den Ablauf der Veranstaltung, Herbert Begemann aus Maintal, früher selbst Rintelner, hatte die Leidensgeschichte der beiden recherchiert. Bürgermeisterin Andrea Lange unterstrich, dass die Erinnerung an die grausamen Taten im Dritten Reich besonders angesichts der stärker werdenden politischen Rechten immer wieder aufgefrischt werden müssten.
Hier die von Herbert Begemann zusammengetragene Geschichte der beiden Juden und ihrer Deportation aus Rinteln:
Am 20. Juli 1942 bestiegen die in Rinteln ansässigen Eheleute Ida und Bernhard Stamfort den Bus eines Obernkirchener Unternehmens, der sie und die mitfahrenden Thekla Schlüter, Louis Katz und Rosa Wetzel von der Dauestraße 1 zur Israelitischen Gartenbauschule Ahlem bei Hannover bringen sollte. Als registrierte Juden waren sie auf Weisung des „Reichssicherheitshauptamtes“ in Berlin verhaftet worden und wurden nun, begleitet von zwei Rintelner Polizisten, für den Weitertransport ins Ghetto Theresienstadt zur Sammelstelle Ahlem befördert. Es war die zweite und abschließende Deportation Rintelner Juden, nachdem vier Monate zuvor bereits 21 Personen über Ahlem nach Warschau verschleppt worden waren.
Der Sonderzug Da75 nach Theresienstadt verließ den Bahnhof Hannover-Linden am 23. Juli um 15.15 Uhr und traf in den Morgenstunden des Folgetages am Zielort ein. Die Transportliste verzeichnet 779 Personen aus Hannover, Bremen und zahlreichen kleineren Orten der nahen und weiteren Umgebung. Das verschleiernd als „Altersghetto“ charakterisierte Konzentrationslager Theresienstadt war kein Ort zum Leben. Noch vor Jahresende, am 22. November 1942, starb Ida Stamfort. Ihr Ehemann Bernhard folgte ihr am 27. Januar 1943. Die heute im tschechischen Nationalarchiv verwahrten „Todesfallanzeigen“ nennen in beiden Fällen „MARASMUS-Altersschwäche“ als Todesursache, eine der beliebig variierten, scheinobjektiven Eintragungen auf gelbem Papier.
Die Stamforts waren seit Ende des 18. Jahrhunderts im lippischen Dorf Stemmen zu Hause. Bernhard und Ida Stamfort führten dort den einzigen Laden im Dorf und versorgten die Leute mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs. Hinzu kam der Hausierhandel mit Hilfe des Fahrrades, der hauptsächlich dem Verkauf von Textilien diente. 1911 siedelten die Eheleute Stamfort mit ihren fünf Kindern und Bernhards Schwester Bertha nach Rinteln um. Sie hatten das Haus Seetorstraße 4 erworben, welches sie als Wohn- und Geschäftshaus nutzen konnten. Im Verkauf beschränkten sie das Sortiment auf Textilien, vermieden aber, mit den eingeführten Modegeschäften der Weserstadt zu konkurrieren.
Ein Hauptmotiv für den Ortswechsel in die ehemalige Universitätsstadt Rinteln waren bessere Möglichkeiten für die Kinder, weiterführende Schulen und andere Bildungseinrichtungen zu besuchen. Otto, der älteste Sohn der Familie, wechselte auf das „Königlich Preußische Gymnasium“, wo er das Abitur mit Auszeichnung abschloss. Seine Brüder, die Zwillinge Paul und Arthur, waren auf dem Gymnasium Schüler bis zur „Mittleren Reife“. Den Schwestern Hildegard und Käthe stand die „Höhere Mädchenschule“, das spätere Hildburg-Lyzeum, offen.
Bereits in den Jahren 1923 und 1924 kam es in Rinteln zu ersten antijüdischen Aktionen junger Nationalsozialisten. Das Haus Seetorstraße 4 der Stamforts wurde wie andere Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Bürger mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Zunahme nationalsozialistischer Aktivitäten bis zur Machtergreifung 1933 sowie der rasante Aufbau eines diktatorischen Staates wirken heute noch erschreckend. Dazu zählen die Schilderungen judenfeindlicher Pogrome im November 1938, wie sie auch in der Kleinstadt Rinteln angezettelt wurden. Nicht verankert in der aufgeschriebenen Stadtgeschichte ist die Zerstörung des Stamfort’schen Hauses Seetorstraße 4, das schon im August 1938 einer vorsätzlichen Brandstiftung zum Opfer fiel. So jedenfalls dokumentiert es eine Akte im Niedersächsischen Landesarchiv.
Zum Motiv der Brandstiftung gibt es darin keine Feststellungen. Sicher ist nur, dass eine direkte Nachbarin, die Ehefrau eines stadtbekannten NSDAP-Mitglieds, die Brandruine erworben hat. Den Stamforts blieb nur eine Notunterkunft in der Krankenhäger Straße. Die ihnen zustehende Entschädigung der Brandversicherung wurde vom Staat beschlagnahmt.
Schmerzlicher als der materielle Verlust muss Ida und Bernhard Stamfort die Unsicherheit über das Schicksal der Kinder und Enkel getroffen haben: Die drei Söhne gingen unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ins Exil. Otto war zu dieser Zeit Studienrat in Aurich und wurde als Jude aus dem Staatsdienst entlassen. Da er sich kurz vorher in einer Berliner Zeitung öffentlich gegen die Nationalsozialisten positioniert hatte, schien ihm die unverzügliche Flucht nach Frankreich dringend geboten. Ebenfalls nach Frankreich flüchtete Arthur, begleitet von seiner Ehefrau Charlotte. Sie hatten nur wenige Monate zuvor in Leipzig geheiratet, wo Arthur als Chefeinkäufer für das Warenhaus Ury tätig war. Sein Zwillingsbruder, der bei der Schaumburger Zeitung in Rinteln als Schriftsetzer ausgebildete Paul, befand sich 1933 bereits in Italien, von wo er zunächst in Frankreich Zuflucht suchte, später in England.
Spätestens nach der Besetzung von Teilen Frankreichs durch die deutsche Reichswehr und dem dadurch veranlassten Abtauchen der Geflüchteten in Verstecke und Scheinidentitäten war ein Austausch der Söhne mit den Eltern in Rinteln nicht mehr möglich. Immerhin konnten sie durch die zeitige Flucht ihr Leben retten. Die Töchter Hildegard und Käthe blieben in Deutschland und heirateten. Hildegard lebte mit ihrem Ehemann Albert Löwenstein und Sohn Edgar in Borgholz nahe der Stadt Warburg. Im Dezember 1941 wurde die junge Familie über den Bahnhof Bielefeld nach Riga verschleppt. Sie überlebten nicht. Ebenso erging es Käthe Stamfort, verheiratet mit den Studienrat Julius Sundheimer. Dieser war aus Frankfurt am Main ans Rintelner Gymnasium gekommen, aber schon wenig später als Jude in den Ruhestand versetzt worden. Die anschließende Lehrtätigkeit an einer israelitischen Schule im schwäbischen Herrlingen und eine letzte Beschäftigung an einer israelitischen Schule in Hannover bewahrten ihn und seine Familie nicht vor der Deportation.
Käthe, Julius und ihr erst vierjähriger Sohn Raphael wurden mit dem gleichen Zug zum Ghetto Riga transportiert wie die Löwensteins aus Borgholz. Niemand von ihnen hat überlebt. Ida und Bernhard Stamfort haben sicher von der Deportation ihrer Töchter und deren Familien erfahren. Möglichweise hatten sie eine dunkle Ahnung, was dies bedeutete. Eine quälende Ungewissheit aber ist ihnen bis zu ihrem eigenen Tod geblieben.
(ot)





























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