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Kadosch und das Smartphone

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Der berühmte amerikanische Komiker Bill Murray beschwert sich darüber, dass er nur noch Kontakt zu seinen sechs Kindern bekommt, wenn er ihnen eine SMS schickt, da sie auf Anrufe nicht mehr reagieren.

Die Informationstechnik hat in den letzten Jahren mehr und mehr, und meistens unbemerkt, in unseren – auch privaten – Alltag massiv Einzug gehalten.

Am Beispiel des Smartphone lässt sich dieser brutale Angriff eines technischen Gerätes auf unser menschliches, privates Kommunikationsverhalten sehr deutlich darstellen.

Definition des Wortes privat/Privatheit:

– Privatheit ist ein unverzichtbarer und notwendiger Bestandteil unserer Demokratie. Diese wird durch den Verfassungsschutz und weitere Organe des Staates geschützt.

– Der Schutz der Privatheit – als der nichtstaatliche Teil der Demokratie – muss daher auch nichtstaatlich garantiert werden. Das bedeutet, dass jedermann dazu aufgefordert ist.

Das allgegenwärtige Smartphone, ursprünglich als Helfer der Menschheit erfunden, entwickelt sich nach und nach zu einer Einrich­tung, welche unsere Privatheit ständig verletzt. Andere Menschen erzeugen zu beliebigen Zeiten Lärm in unserem Heim, im Restaurant, oder, oder – willkürlich und teilweise aus wichtigen Gründen. Wir stellen deshalb schon einmal das Telefon leiser oder verbannen es in den Kühlschrank oder wir schalten (hoffentlich) das Handy/Smartphone aus. Dennoch würden wir es schlimm finden, nicht erreichbar zu sein (warum eigentlich?).

Die Anonymität des Telefons – wir brauchen ja unserem Gesprächspartner (noch) nicht ins Auge zu sehen – erlaubt uns, direkter zu sein.

Mit Direktheit wird umgangssprachlich ein breites Spektrum erfasst; wer geradewegs auf ein Ziel zusteuert, gilt aber häufig als „gemein“, obwohl klar und effizient.

Direkt zu sein und unmittelbar etwas mitzuteilen oder erreichen zu wollen, erschien bisher in unserer Gesellschaft oft als etwas Obszönes. Heute tippen wir einfach drauf los. Niemand sage mir nach, ich wäre schon zu alt dafür oder ich würde es nicht verstehen. Ich bin ein begeisterter Facebook-Nutzer, kommuniziere fast alles, dass meine Freundin stets die Hand vor den Kopf schlägt, wenn sie meine Aktivitäten im Netz erfährt. Ich bin viele Jahre Admin eines Senioren-Chats gewesen, noch heute chatte ich gern mit der PN-Funktion von facebook. Ja, ein Leben ohne digitale Kommunikation ist für mich nicht vorstellbar!
Das smartphone jedoch, stets angeschaltet und als Lampe, die dem einen oder anderen Nachtschwärmern in Rinteln nach Mitternacht den Weg weist, ist vielfach benutzbar. Doch mitten im persönlichen Gespräch mit einem Freund, einer Freundin vibriert das Smartphone und alles um diese Person ist vergessen, nur das Smartphone ist jetzt dran. Mich gruselt es.

Der Gesprächsfaden ist kaum wieder aufzunehmen. Ergebnis: kaputte menschliche Kommunikation als Preis für moderne (?), digitale Kommunikation. Die neuen Techniken erlauben uns, den von uns gewünschten Gesprächspartner direkt und sofort zu erreichen, aber nicht immer ist damit auch ein wirklicher sozialer Fortschritt verbunden. Das Smartphone ist daher eigentlich auch kein wirklicher Teil der modernen Mainstream-Kultur.

Der Anrufer hat meistens ein bestimmtes Anliegen, ihm ist dies bekannt, aber sein Ge­sprächspartner ist von der unmittelbaren Direktheit manches Anrufers nicht immer erbaut. So legt uns ein einfacher, gut gemeinter Kommunikationswunsch einen ungewollten Zwang auf; es wird aus dem Helfer Smartphone der Peiniger Smartphone, oder wie sagte ein Zeitungsredakteur vor Kurzem: Das Smartphone ist nichts anderes, als ein Taschen-Terrorist.

Wir Menschen sagen uns gegenseitig oft, Geduld sei eine Tugend und die Zeit heilt die Wunden; aber wir haben Schwie­rigkeiten, unsere Eigen­zeit mit der sozialen Zeit, den Zeitbegriffen unseres Gegenü­bers, in Einklang zu bringen.
Doch dies ist nur eine Seite der Medaille. Es ist unumstritten, dass das Bedürfnis per Smartphone miteinander zu sprechen, Probleme zu lösen, oder nur einfach einen Besuch anzukündigen, deutlich gewachsen ist. Für diesen un­gezwungeneren Umgang mit­einander aber haben wir viele Zwänge billigend in Kauf genommen:

„Das smartphone vibriert, wir gehorchen!“

Der Anruf, `mal eben schnell sich gemeldet zu haben, entbindet meines Erachtens nicht vom Schreiben, vor der offenen, persönlichen Auseinanderset­zung und dem Gespräch mit unserem Gegenüber – aber es ist ja so bequem.
Ausgenommen möchte ich diejenigen Menschen wissen, für die das Telefon den einzigen Kontakt zur Außenwelt bedeutet (warum ei­gentlich einzigen?).
Wir bestellen uns die Lebensmittel per Smartphone ins Haus, sagen durch einen Anruf eine unan­genehme Verabredung ab usw. und ver­lieren das Erlebnis des persönlichen Kontaktes, ja sogar die Fähigkeit des sozialen Umgangs. Psychiatrische Praxen und Kliniken wissen davon ein Lied zu singen.

Wenn wir im Privaten dem Smartphone wieder seinen angestammten Platz als Helfer zur Vorbereitung einer persönlichen Begegnung zuweisen, wenn wir das Smartphone zu seiner ursprünglichen Funk­tion des Zeitsparens durch schnelle notwendige Information zu­rückkehren lassen, wenn Handys, DSL und ISDN, Anrufbeantworter und Tele­fax ihren Platz dort finden, wo sie hingehören, nämlich in die von der Schnelligkeit abhängigen Berufswelt, dann – da bin ich sicher – werden wir wieder mehr gute Gespräche unter uns haben.

Toleranz gegenüber dieser Art von Fortschritt ist meines Erachtens falsch, und das meine ich wahrhaftig nicht wegen der Generation, um die ich den Smartphone-Junkies voraus bin. Sicherlich erreicht uns auch wieder öfter ein Brief oder eine Postkarte statt eines SMS, persönliche Begeg­nungen würden häufiger. Alles in allem stärken wir den Zusammenhalt; ein Kreis wird sich darstellen, zu dem junge und alte, aufgeschlossene, moderne Menschen den Zutritt suchen.

Die persönliche Beziehung zu jedem Menschen macht ja erst die Stärke unseres privaten Netzwerkes aus. Das Telefonat mit dem Freund oder Verwandten entbindet mich nicht von der Pflicht, ihm die Ge­legenheit zu geben, in einem persönli­chen Zusammentreffen mit mir sich ein „Bild“ von mir zu machen.
Als Kadosch schreibe ich mit dieser Kolumne sicherlich so, wie Don Quixotte gegen Windmühlen kämpfte, doch bleibe ich in der realen Realität, kann und will nichts ändern, doch mahne ich gern ein wenig Nachdenken an.

Goethe schrieb einst einem Freund: „Entschuldige, dass dieser Brief so lang geworden ist, ich hatte keine Zeit für einen kürzeren.“
In diesem Sinne bitte auch ich um Vergebung für die heutige, etwas längere Kolumne.

Euer Kadosch

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