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Kadosch und die Auswanderer

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Bis vor Kurzem kannte ich nicht den Unterschied zwischen Grenzwechslern, Binnenmigranten, Multilokalität, Einwanderern und Auswanderern. Nach einem in Stadthagen absolvierten geschichtswissenschaftlichen Kurs und blättern in Wikipedia hat Kadosch nun Gewissheit.

Wir leben augenblicklich in einer Zeit, da Deutschland ein Einwanderungsland ist, und zwar nötigerweise. Wir werden nämlich demnächst zu wenig Bevölkerung haben, es werden Fachkräfte fehlen, aber es werden vor allem überall Hände gebraucht. Solche Arbeit, früher unbezahlt, nannte man „Hand- und Spanndienste“, heute gibt es Geld dafür und wird bald unbezahlbar, wenn wir nicht unsere eingewanderten Mitbewohner hätten.

Vor meinem Haus arbeiten ein Syrer, ein Türke und ein Iraker. Alle drei sind anerkannte Asylbewerber. Der Unternehmer, der sie eingestellt hat, könnte solche Erd-Arbeiten gar nicht annehmen, hätte er diese Männer nicht. Zugegeben, er bekommt Zuschüsse vom Staat, doch den drei Männern geht es besser, als in einem Lager oder Heim die Zeit vergehen zu sehen und dabei nix zu tun zu haben. Sie bekommen Mindestlohn, aber berichten alle drei, sie würden etwas nach Hause überweisen. Sie sind fleißig und freundlich, ihr Deutsch ist etwas holperig. Aber sie sind gewollte Mitbewohner!

Vor 150 Jahren war es umgekehrt. Da gab es Kriegsfolgen hier im Tal, noch häufiger Überschwemmungen, keine richtige Industrie – man hungerte, schlug sich irgendwie durch.
Derzeit arbeite und recherchiere ich an einer historischen Arbeit über Auswanderer aus dem Weser- und Grenzdorf Hohenrode um diese Zeit. Da ist selbst den Söhnen der Großbauern der Hunger zu groß, sodass sie nach Amerika auswanderten. Die Töchter waren nicht sehr begehrt, denn die Mitgift blieb klein.

Auswanderungswillige wurden schon damals von allen Seiten ausgenommen. Diejenigen, die man heute Schlepper nennt, waren damals offizielle Auswanderagenturen. Sie nahmen Geld für Versprechungen, kassierten eine Provision bei den Schifffahrtsgesellschaften und den Gemeinden in den USA, die Arbeitskräfte brauchten, wurden reich.

Unter dem Gesichtspunkt der Ausbeutung der Auswanderungswilligen und unter Berücksichtigung der vorherrschenden heimatlichen, schlechten Lebensverhältnissen, und vor allem für das übergroße Vertrauen in die zumeist total unbestimmte Zukunft müssen wir den Migranten unseren gehörigen Respekt zollen. Einige schafften es, holten Freunde und Verwandte nach, andere strauchelten.

Wie viel Trauer, Abschiedstränen aber auch Lachen und Freude mögen diese Menschen begleitet haben – wir können es nur erahnen.

Den ausgewanderten Familien nachzuforschen, ist nicht ganz einfach, aber ich fand hin und wieder ganz spannende Ergebnisse. Ein Enkel eines Hohenroder Bauern ist sogar in die Hall of Fame (Berühmtheits-Halle) des Staates Kansas aufgenommen worden. Eine Familie gründete eine Kirchengemeinde, ihr Name ist in dieser Stadt nach wie vor wohlklingend.

Und auch die im 18. Jahrhundert als Deserteure der hessischen Armee, die unser damaliger Landesfürst an die Engländer verkaufte, in Amerika gebliebenen Rintelner und Hohenroder haben es geschafft und Wurzeln geschlagen.

Doch auch Zwangsauswanderer lernten wir kennen. Ein „mehrfach vorbestraftes Individuum“ aus Hohenrode emigrierte 1872 auf behördliche Anordnung nach Amerika, um hierzulande weiterer polizeilicher Verfolgung zu entgehen und mit dem Versprechen, sich im fremden Land anständig zu verhalten. Seine Entlassung aus der Bürgerliste am 24. Juli 1872 erfreute daher nicht wenige Mitbewohner, entlastete die Staatskasse. Deshalb gab es auch einen kleinen Bonus zum Abschied.

Vorgestern am sogenannten „Westfalentag“, dem katholischen Feiertag Fronleichnam, erlebten wir kurzfristige Grenzwechslung – ein Vorteil für beide Seiten, nur, dass es keine Agenturen oder Lizenzvergeber mehr gibt. Das Abkochen findet hier nicht statt.

Kadosch ist Einwanderer aus Hamburg und fühlt sich wohl hier.

Euer Kadosch

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