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Lieber Schule als Job: Ausbildungsmarkt im Landkreis Schaumburg

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Statistiken sind oft langweilig. Zahlen, Diagramme und bunte Pfeile, die nach oben, unten oder seitwärts verlaufen, stellen eine Entwicklung dar – doch sie sagen eine Menge aus. Zum Beispiel, dass es im Landkreis Schaumburg eine rückläufige Anzahl von Bewerbern auf eine Ausbildungsstelle gibt (von 1.416 im Jahr 2015 auf 1.373 in 2016), ebenso einen Rückgang an freien Ausbildungsstellen (von 966 auf 934). Dafür bleiben ungewöhnlich viele Stellen unbesetzt. Mit einem Anstieg von 25 auf 58 hat sich die Anzahl der Ausbildungsplätze, die keinen Bewerber gefunden haben, mehr als verdoppelt. Woran liegt das?

Sicherlich oft daran, dass sich junge Menschen heute schwerer festlegen wollen. Die Arbeit und das Geldverdienen besäßen inzwischen einen anderen Stellenwert beim Nachwuchs, weiß auch Cornelia Kurth, Leiterin der Agentur für Arbeit in Rinteln und Stadthagen. Statt „Plan A“ wie „Ausbildung“ kommt oft „Plan B“ zum Tragen. Ein freiwilliges soziales Jahr, ein Praktikum im Ausland, Phasen der Selbstfindung. Und dann oft die Ausbildung, die in der Zwischenzeit schon hätte abgeschlossen werden können. Manchmal braucht man als junger Mensch auch einfach nur mehr Zeit zur Entscheidungsfindung.

Und da Statistiken erst durch Beispiele aus der Realität zum Leben erweckt werden, begrüßt Kurth Caroline Cremer vom „Alten Zollhaus“ in Todenmann zum Pressegespräch. Cremer leitet die Geschicke des Gasthauses seit fünf Jahren. An ihrer Seite und seit August neu dabei: Vivian Michel. Die 21-jährige erzählt aus eigener Erfahrung, wie man auch durch einen Umweg zur Ausbildungsstelle kommt und dass es durchaus sinnvoll sein kann, festgelegte Wege auch mal zu verlassen.

2013 absolvierte Vivian ihr Abitur am Gymnasium Ernestinum. Dann folgte ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten. Ihr Berufswunsch, ein Studium als Grafikdesignerin, ließ sich nur privat finanziert realisieren. Also beschloss sie, zu jobben. Aber auch nach einem Jahr an der Supermarktkasse war sie noch weit davon entfernt, sich ihr Studium finanzieren zu können. Dann schwenkte sie um, wollte eine Ausbildung zur Mediengestalterin machen. Doch sie erntete nur Absagen, manche Firma ließ die Ausbildungsstelle lieber unbesetzt, als die Anforderungen an die Bewerber zu senken. Dann kam der „Tag der Ausbildung“ im Brückentorsaal und Vivan nutzte die Chance. Trotz gefühlter 45 Grad im Saal suchte sie das Gespräch mit den Unternehmen, fand schließlich Gefallen am Alten Zollhaus und gab ihre Bewerbung ab. Der Funke sprang über, Vivian macht seit dem Sommer ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau. Hoteldirektorin Cremer weiß, was sie an ihrer Azubine hat. Höflichkeit, Pünktlichkeit, Präzision – oft mangelt es Bewerbern an grundlegenden Qualifikationen für den Beruf. Freizeit und Spaß, so kann sie aus vielen Vorstellungsgesprächen berichten, hat inzwischen bei vielen einen größeren Stellenwert als der Beruf. Am Wochenende arbeiten, wenn andere feiern, oder an Weihnachten, dazu gehört Willenskraft. Doch die 21-jährige steht dazu, sieht das unproblematisch.

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Von links: Berufsberater Matthias Voges, Cornelia Kurth (Leiterin der Agentur für Arbeit in Rinteln und Stadthagen), Caroline Cremer (Hoteldirektorin im „Alten Zollhaus“) und Auszubildende zur Hotelfachfrau Vivian Michel

Oft ist der Berufswunsch der Heranwachsenden einfach nicht cool genug. Dann erntet man Minuspunkte im Freundeskreis. Oder bei den Eltern. „Du sollst es mal besser haben als ich, geh lieber studieren“, lautet oftmals die Empfehlung von Mutter und Vater. Die Kinder drücken dann lieber noch ein paar Jahre die Schulbank um Zeit zu gewinnen. „Die Eltern finden das toll“, weiß Kurth. Doch wirklich zielführend sei das nicht. Irgendwann sei auch diese Zeit vorbei, und dann stehe man wieder vor der gleichen Frage: Was will ich werden?

Diese Unsicherheit unter den Jugendlichen kann auch Berufsberater Matthias Voges nachvollziehen. Bereits frühzeitig, ab Klasse 8 oder 9, beginne man mit den „Berufswelten“ oder der „Berufsorientierung“. Vielfach ist die Erwartungshaltung an den eigenen Schulabschluss sehr hoch, weiß Voges. Klar, ergänzt Kurth, es gebe auch ausgefallene berufliche Werdegänge, wie zum Beispiel die Professur in Lego. Doch die entscheidende Frage sei auch immer: „Wer bezahlt mich eigentlich dafür?“ Und da werden manche Bewerber auf den Boden der Realität zurückgeholt.

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Viele der rund 380 Ausbildungserufe haben Nachwuchsschwierigkeiten, darin sind sich alle einig. Vom Handwerk über Gastronomie und Industrieberufe ist das Angebot im Landkreis breit gefächert. Einzig Goldschmied oder Tierpfleger kann man fast schon als exotisch bezeichnen. Und gerade beim Tierpfleger herrschten oft falsche Vorstellungen der Bewerber. Tiere streicheln, mit ihnen spielen, sicher sei das toll, ergänzt Kurth. Doch ein Praktikum in einer Tierarztpraxis zeige eben auch die andere Seite der Medaille. Da geht es um Operationen, Blut, Geschwüre, manchmal wird man auch von Tieren gekratzt, kurzum um weniger angenehme Facetten des Berufs. „Viele sind nach so einem dreiwöchigen Praktikum von ihrem Berufswunsch kuriert“, stellt Kurth fest.

Ein großer Teil des Budgets, das die Agentur für Arbeit aufbringt, geht in die Fort- und Weiterbildung der Bewerber. Neue Ausbildungsformen wie die duale Ausbildung eröffnen jungen Menschen neue Wege des beruflichen Werdegangs. Und dass ein Studium nicht zwangsläufig der Schlüssel zum Erfolg ist, weiss man bei der Agentur für Arbeit auch: Abitur um jeden Preis bedeutet nicht automatisch einen Job und rund 30 Prozent der Studierenden brechen vorzeitig ab. Bleibt abzuwarten, ob sich der Trend zum Besuch weiterführender Schulen in Zukunft wieder in die Gegenrichtung entwickelt, oder ob viele junge Menschen weiterhin sagen: „Statt Plan A wie Ausbildung erst einmal noch ein paar Jahre die Schulbank drücken und dann sehen, was kommt.“

 

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