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Pro und Contra Windenergie: Diskussionen zwischen „Fluch und Segen“

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Beim Bürgerdialog der FDP Rinteln im Hotel Stadt Kassel drehte sich dieses Mal alles rund ums Thema Windenergie. „Fluch oder Segen“ lautete die Überschrift. Zu Gast waren Dr. Nick Büscher, Vorsitzender des NABU Rinteln und Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace Energy, der vom Unternehmens-Pressesprecher Michael Friedrich begleitet wurde. Bevor es zur Frage- und Antwortrunde mit den Gästen kam, informierten Büscher und Tangermann über das Thema Windenergie und erneuerbare Energien allgemein.

Die Geschichte der Windkraft reicht laut Büscher bis ins Jahr 1750 vor Christus zurück. Im damaligen Bablyon soll ein Musikinstrument von einem Mini-Windrad angetrieben worden sein. Hierzulande sprang die Politik 1974 nach dem Ölpreisschock auf die Entwicklung der Windkraft auf. Der erste Windkraftversuch fand demnach 1983 im Kaiser-Wilhelm-Koog statt. Die 100 Meter große „Growian“ (Großwindanlage) wurde nach nur fünf Jahren Betrieb aufgrund von ständigen Defekten und nur wenigen Betriebsstunden wieder abgerissen. Die Politik verabschiedete 1990 ein Stromeinspeisegesetz, dass in 2000 durchs Erneuerbare-Energien-Gesetz erweitert wurde. Darin werden Netzbetreiber verpflichtet, den Windstrom gegen eine feste Bezahlung abzunehmen. Die Zahl der Anlagen wächst im neuen Jahrtausend schnell. Allein in 2001 und 2002 wurden zusammen 4.407 Windräder gebaut. Dabei wurden sie immer größer und höher, erreichen inzwischen sogar eine Gesamthöhe von über 200 Metern. Die Gesamtbilanz für Deutschland: 29.844 Windkraftanlagen sind bis Ende 2017 in Deutschland gebaut worden, die meisten davon an Land (28.675) und wie auf einer Karte mit vielen roten Markierungen verdeutlicht wurde, der große Teil in der Nordhälfte des Landes. Dabei, so Büscher, kommt es eigentlich immer zu Konflikten. Entweder mit den Menschen, den Belangen des Natur- und Artenschutzes, historischen Denkmälern oder eben einfach nur der Lebensqualität. Ursächlich dafür, so Büscher, sei eine fehlende überregionale Raumplanung und eine mangelnde Beteiligung der Bürger und der Mangel an frühzeitiger Berücksichtigung von Naturschutzbelangen bei der Standortwahl. Der Konflikt angesichts der zwei Windräder, die Investor Planet Energy in Westendorf bauen will, schwelt schon eine geraume Zeit. Nachdem die Stadt Rinteln ihr Einvernehmen zur Genehmigung des Landkreises versagt hat, beschäftigt sich das Verwaltungsgericht mit dem Thema.

Sönke Tangermann stellte seine Argumente pro Windenergie vor.

Die Kiesabbauflächen zögen Wasservögel an, das habe sich der NABU nicht ausgesucht, ergänzte Büscher. Und Windräder an diesem Standort würden die Pläne eines Naturparks Auenlandschaft konterkarieren. Das Naturschutzgebiet Hohenrode habe eine große Bedeutung für den Vogelzug, und wenn man den Naturtourismus fördern wolle, gehe das nur durch den Erhalt seltener Arten. Insofern beeinträchtigen die Windkraftanlagen das Potenzial zur Weiterentwicklung der Auenlandschaft. Und wenn das Seeadlerpärchen zum Brüten in die Weserauen ziehe, so Büscher, dann müssten die Anlagen aufgrund des Artenschutzes ein halbes Jahr stillstehen. Aus Büschers Sicht ist viel schief gelaufen, das jetzt den „Streit“ zwischen Greenpeace und dem NABU zur Folge habe. Das Seeadler-Gutachten sei aus NABU-Sicht nicht ausreichend, aber vom Landkreis akzeptiert. Die Bedenken der Naturschützer hätten zu geringes Gewicht und aus den unterschiedlichsten Gründen habe es keine explizite Ausweisung für Gebiete zum Bau von Windkraftanlagen gegeben.

Dr. Nick Büscher (NABU) mahnte, die Energiewende müsse für Mensch und Natur erträglich sein.

Komplett anders die Sichtweise von Sönke Tangermann, Greenpeace Energy Vorstandsmitglied und Geschäftsführer von Planet Energy. Mit Aufzeichnungen und Prognosen über die Erderwärmung von 1850 bis 2017 argumentierte Tangermann pro erneuerbare Energien und ganz konkret im Sinne der Windkraft. Wenn nicht alles menschenmögliche getan werde, um die Energiewende (Stichwort „Dekarbonisierung“) voranzutreiben, kämen düstere Zeiten auf den Planeten zu, so die Essenz von Tangermanns Vortrag. Erfolgreicher Klimaschutz sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Projekte, die nach sorgfältiger Prüfung die Voraussetzungen erfüllen, sollen auch gebaut werden, „sonst ist erfolgreicher Klimaschutz nicht möglich“. Es sei normal, dass Gemeinden einen entsprechenden Bebauungsplan mit Windpark-Flächen ausweisen, erklärte Tangermann, die Stadt Rinteln hätte das unter dem damaligen Bürgermeister nicht getan. Man sei sich sicher, dass das Windkraftprojekt in Rinteln sorgfältig untersucht und abgewägt worden sei. In jedem Einzelfall erfolge eine Abwägung von Natur-, Denkmal- und Umweltschutz. Zwischen April 2010 und September 2015 habe man laut Greenpeace Energy fünf Gutachten zu Vögeln erstellen lassen, darunter auch das vom NABU angezweifelte Gutachten zum Seeadler durch das Büro Bioplan (wir berichteten). Eine Gefährdung von Seeadlern sehe man daher nicht. Büscher konterte: Wo es nur ein einziges Seeadlerpaar gebe, sei bei Verlust gleich die gesamte lokale Seeadler-Population erloschen. Laut Tangermann seien in Niedersachsen seit 2002 fünf Seeadler nach Angaben des Landesumweltamtes Brandenburg kollidiert, bundesweit 144 Tiere. Zugleich kämen zehn Mal so viele Seeadler durch Kollisionen mit Zügen oder Autos beim Aasfressen auf Schienen oder Straßen, durch Stromleitungen oder durch Bleivergiftung beim Fressen von angeschossenem Wild um.

So unverrückbar wie die Positionen der Parteien, so standfest die Argumente. Büscher sah den NABU als „Anwalt der Natur“ und mochte sich keine Welt vorstellen, in der nur noch fünf Vogelarten existieren. Tangermann wiederum warnte angesichts steigender Erderwärmung und schmelzender Gletscher vor den Folgen, wenn die Energiewende nicht konsequent umgesetzt würde. Dies beinhaltete neben den bereits zahlreich gebauten Windkraftanlagen den Bau von noch viel mehr Windrädern, inklusive der beiden in Rinteln. Einer der Einwände aus Zuschauerreihen: Man solle die Anlagen doch dort bauen, wo sie weder Mensch noch Tier bedrohen und belästigen. Doch das, so war aus der Antwort zu entnehmen, sei angesichts der hohen Besiedelungsdichte Deutschlands schwierig. Irgendjemand fühlt sich also immer bedroht oder gestört.

Ergänzung: Die „Welt“ berichtete jüngst von in die Jahre gekommenen Windkraftanlagen als „tickende Zeitbomben“. Darin ist die Rede von Forderungen nach einer Prüfung der Windräder als Industrieanlagen mit entsprechender, strenger technischer Kontrolle. Kritische Lektüre zum Thema erneuerbare Energien findet sich auf den Seiten des Vereins Vernunftkraft e.V. Zu den Internetseiten von Planet Energy und Greenpeace Energy geht es HIER und HIER.

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