(Krankenhagen) Über 22.000 Solar-Module, verhärtete Fronten und schwere Vorwürfe unter Nachbarn: In Krankenhagen entlädt sich ein tiefgreifender Konflikt um ein Projekt der Energiewende.
Während die Stadtpolitik den Bau einer Freiflächenphotovoltaikanlage trotz massiver Papiermengen durchdrückt, kochen die Emotionen vor Ort über. Mittendrin: Der Flächeneigentümer, der von Verleumdungen spricht, und Anwohner, die um ihre Existenz bangen.

Eilentscheidung trotz Aktenberg
In der letzten Sitzung des Rintelner Bauausschusses vor dem Ende der Legislaturperiode ging es heiß her. Auf dem Spiel steht ein gigantisches Vorhaben: Auf rund 7,5 Hektar Fläche sollen in Krankenhagen mehr als 22.000 Solarmodule hochgezogen werden. Dass es bei diesem Projekt hoch hergeht, zeigte sich bereits zu Beginn der Debatte.
Prof. Dr. Gert Armin Neuhäuser (RI-Fraktion) forderte umgehend die Absetzung des Tagesordnungspunkts. Sein Argument: Die Tischvorlage umfasst knapp 3.000 Seiten – ein nicht zu bewältigender Aktenberg, der unmöglich innerhalb einer einzigen Woche fundiert geprüft werden könne. Die Mehrheit des Ausschusses bügelte den Antrag jedoch rigoros ab und gab am Ende mit nur einer Gegenstimme grünes Licht für das Vorhaben. Neuhäuser selbst hat im Ausschuss nur ein Grundmandat ohne Stimmrecht.

Gutachten gegen Zukunftsängste
Um die Wogen zu glätten, trat Dipl.-Geograph Torsten Bergemann vom Planungsbüro Tischmann Loh & Partner an. Schritt für Schritt versuchte er, die zahlreichen Einwände aus der Bevölkerung zu entkräften:
Lärmschutz: Eine bis zu 4,50 Meter hohe Lärmschutzwand an den Stromspeichern sowie Abstände von 75 bis 100 Metern zur nächsten Wohnbebauung sollen Immissionen minimieren.
Umwelt & Natur: Auch bei Blendwirkung, Landschaftsbild, Altlasten und Naturschutz gab der Planer Entwarnung. Während der Brut- und Setzzeit ruhen die Arbeiten komplett.
Doch die Beruhigungsversuche greifen bei den betroffenen Bürgern kaum – zumal im Hintergrund ein eklatanter Planungsfehler der Verwaltung schlummerte.
Das Baurecht-Fiasko: Wohnen im Gewerbegebiet?
Besonders brisant ist der rechtliche Status des angrenzenden Wohngebiets Dachsgang. Der Grund für die Verwirrung reicht Jahre zurück: Das Areal ist im südlichen Bereich baurechtlich nach wie vor als Gewerbegebiet ausgewiesen – obwohl dort seit Jahrzehnten Wohnhäuser stehen! Eine einst von der Verwaltung vorgesehene Umwidmung zum allgemeine Wohngebiet wurde nie offiziell genehmigt.
Dieser bürokratische Fauxpas hat konkrete Folgen für den Lärmschutz: Rein formal hätten die Planer aufgrund des Gewerbegebiets-Status deutlich laxere Schutzwerte ansetzen können. Um Schlimmeres zu verhindern, legten sie zumindest die strengeren Maßstäbe eines Mischgebiets zugrunde. Die ermittelten Lärmwerte sollen laut Planern sogar unter den Richtwerten für ein allgemeines Wohngebiet liegen.
Volksseele kocht: Nachbarschaftskrieg und schwere Vorwürfe
In der Einwohnerfragestunde entlud sich schließlich der aufgestaute Frust der Anwohner aus den Straßen Fuchsloch und Dachsgang. Eine Anwohnerin machte ihrer Sorge um einen drohenden Wertverlust der Immobilien Luft. Sie verwies darauf, ihr Haus 1999 mit der Genehmigung für ein allgemeines Wohngebiet gebaut zu haben – insofern wiegt die Nachricht über den tatsächlichen Gewerbestatus doppelt schwer. Andere Nachbarn äußerten Ängste vor Schadstoffaustritten beim Rammen der Modulhalterungen oder einer massiven Hitzeentwicklung durch die Spiegelflächen.


Wie tief die Gräben im Ort mittlerweile sind, zeigte der emotionale Auftritt von Flächeneigentümer Frank Kuhlmann. Der Landbesitzer sieht sich massiven Anfeindungen, Beleidigungen und Verleumdungen aus der direkten Nachbarschaft ausgesetzt. Kuhlmann wies die Gerüchte im Ort scharf zurück und stellte klar, dass auf seinen Flächen lediglich Bauschutt und Bodenaushub eingelagert worden seien.
Der Bauausschuss hat entschieden, jetzt kommt die Angelegenheit am 8. Oktober in den Rat – doch der Streit zwischen Rathaus, wütenden Anwohnern und dem Flächeneigentümer dürfte Krankenhagen noch lange beschäftigen.
(Text & Fotos: ot)
























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