(Rinteln) Martin Zingsheim macht keinen Hehl daraus, dass er auf viele Dinge gern verzichten würde. In seinem Programm „Aber bitte mit ohne“ propagiert der Comedian aus Köln die Lehre der Enthaltsamkeit und der Reduktion.
„Mehr weniger von allem“ lautet die Devise und als erstes übte der Kulturring den Verzicht auf eine Überdachung und den Eintritt zur Veranstaltung am Donnerstag. Das Event fand „Open Air“ auf dem Kirchplatz statt und zahlreiche Gäste waren der Einladung gefolgt. Was sie geboten bekamen, waren zwei Stunden Comedy der Spitzenklasse und ein Programm, das weder vor Religion, dem politischen Tagesgeschehen oder Corona Halt machte.
Gekonnt hielt der wortgewandte Künstler dem Publikum einen Spiegel vor und sorgte für einen Schenkelklopfer nach dem anderen. So bekam der Trend zu Lesestiften statt dem klassischen Vorlesen ebenso sein Fett weg wie das in Rinteln aktuelle Thema „Lastenfahrrad“. Hier sah Zingsheim den größten Vorteil in der menschlichen Knautschzone, wenn er seine vier Kinder auf die Fahrt mitnimmt. Überhaupt, Kinder! „Kaufen Sie mal mit vier Kindern im dm ein, da bedient Sie der Filialleiter persönlich“. Der Vorteil: Zuviel Geld ist mit reichlich Nachwuchs kein Thema mehr, es gibt nämlich keins mehr in der Kasse.
Martin Zingsheim zog den „Genderwahnsinn“ ebenso durch den Kakao wie kirchliche Bräuche. Verzicht sei ein sehr religiöses Thema, so sei der Advent früher mal eine Fastenzeit gewesen. Heute undenkbar, besonders in seiner Heimat Köln: „Da gibt es warmen Eierpunsch auf dem Adventsmarkt, also heiße Salmonellen mit Sahne.“ Natürlich kam auch der Karneval und die verschiedenen Traditionen nicht zu kurz („90 Prozent der Männer verkleiden sich Rosenmontag als Alkoholiker“).
Auch das Thema Sport hatte es dem talentierten Komiker angetan. So gab er zu, während des ersten Corona-Lockdowns Rotwein bestellt zu haben. Währenddessen orderte sein Umfeld massenweise teure Funktionskleidung zum Joggen. Wobei das auch ein Teufelskreis sein könne. Um sich die teure Garderobe leisten zu können, müsse man mehr arbeiten, was wiederum mehr Stress und weniger Zeit zum Sporttreiben bedeuten würde. Und überhaupt: Wieso sieht man nur schlanke Menschen Joggen? Nimmt man dabei womöglich so schnell ab?
Ob der Verzicht auf Idole („die 1968er hatten Martin Luther King, ich hab Kardinal Wölki und Kevin Kühnert“), SUV-Fahrer („Hausfrauenporsche für die historische Altstadt“) oder auf Fleisch („einen veganen Burger bei McDonald´s zu bestellen ist wie mit Viktor Orban zum Christopher-Street-Day zu gehen“), die Klimabewegung („Duschen for Future“) oder bierbrauende, barttragende Hipster („früher nannte man sie Mönche“) – Martin Zingsheim nahm sich nahezu aller nur erdenklichen, gesellschaftlichen und politischen Themen an und garnierte sein Programm mit musikalischen Einlagen am Klavier und Gesang.
Zum Schluss gab es nach dem Beifall die obligatorische Zugabe, die sich als vollwertiger Programmpunkt entpuppte und keinesfalls eine Verzichtserklärung sein wollte; es war wortwörtlich das „Happy End“. (vu)
(Video) Eine Kostprobe von Martin Zingsheim sehen Sie hier:
Auf den Button unten drücken um den Inhalt anzuzeigen YouTube.
Inhalt laden