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Wortkampf im Gymnasium: Poetry Slam nach dem Fußballspiel

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Der Dichterwettstreit, der Kampf mit Worten, neudeutsch einfach „Poetry Slam“ genannt, entstand Mitte der 80er Jahre in den USA und erfreut sich seit geraumer Zeit auch hierzulander immer größerer Beliebtheit. Bereits zum dritten Mal wurde so ein Wettbewerb im Gymnasium Ernestinum durchgeführt.

Ursprünglich für 19:00 Uhr geplant und angekündigt, machte die Fußball-WM den „slammenden Poeten“ einen Strich durch die Rechnung. Da zu befürchten war, dass reger Besuch angesichts des brasilianischen Ballsports ausbleiben würde, ordnete die Organisatorin Kristina Rehr das Abendprogramm kurzerhand um.

Erst „Deutschland gegen Frankreich“, dann „Künstler gegen Worte“. So startete der Slam erst nach dem Spiel und die Fans dieser Wortschlacht kamen. Szene-Kenner und -Profi Tobias Kunze hatte in einem Workshop die Teilnehmer auf ihren Auftritt vorbereitet und führte durch das Programm, das er selbst als „virtuelles Tontaubenschießen mit Wörtern“ bezeichnete. „Poetry Slam“, bringt es Kunze auf den Punkt, „ist das Rockkonzert für Deutschlehrer!“

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Die Sprache, eigentlich die Quelle aller Missverständnisse, stand im Mittelpunkt des Geschehens. Kunze stimmte das Publikum auf die folgenden Stunden mit einem eigenen Slam ein und teilte dann die Bewertungskarten unter Erklärung der einfachen Regeln aus. Nach der „Performance“ konnten die Zuschauer die Vortragenden mit einem Punktesystem von 1 bis 10 bewerten, von Null bis Überflieger. Den Start machten die sieben Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer mit dem Vortrag eines Fremdtextes; eigene Textkreationen folgten.

Unter den Teilnehmerinnen waren auch Tanja Wente und Inken Weber. Die beiden Slammerinnen hatten im letzten Jahr als Duo den Slam in Stadthagen gewonnen und Tanja nahm auch an den deutschen Slam-Meisterschaften 2013 teil. Hier ein Zitat von Tanja aus einem Motivationsschreben für ihren Studiengang: „Poetry Slam ist für mich im letzten Jahr meine persönliche Ausdrucksform geworden. Hier kann ich meine Liebe zur Sprache in vielfältigster Weise grenzenlos darstellen, indem ich meine Gedanken in Worte fasse und ihnen Leben verleihe.“ Schon in der Vorrunde konnte Inken Weber mit einem Text über ein „totes Pferd“ punkten: In ihrem „Slam“ ging es um das Pferd, das zu reiten es sich eigentlich nicht lohnt, auch wenn man eine Peitsche holt, einen Arbeitskreis zur Wiederbelebung toter Pferde ins Leben ruft, ein zweites totes Pferd vor die Kutsche spannt oder die Kriterien ändert, ab wann etwas als „tot“ zu bezeichnen ist.

Bei den eigenen Texten waren die Unterschiede in der Art und Weise des Herangehens groß. Tanja verfasste eine Hommage an Inken, die für eine stattliche Zeit nach Island geht, Ela ließ einen tiefen Blick in ihr Innerstes zu als sie von einer „…nicht ganz typisch türkisch aussehenden Türkin“ sprach und dabei fragte: „Bin ich Deutsche, Türkin, oder weder noch?“

Anna Remsey gestattete einen Blick in die Mädels-WG mit Seniosaurus „Oma“ und Tara ließ einen Dialog zwischen ihrem eigenen Ich und dem Unterbewusstsein, das ihr immer wieder ihre Unzulänglichkeit vorhielt, aufleben. Anne Gelis ließ einen ganz normalen Schultag Revue passieren und stellte diesen unter die Überschrift „Der Tag der geistigen Elite“.

Alle erhielten Bewertungen, alle fanden Begeisterung beim Publikum, alle waren so richtig „gut“. Am Ende gab es natürlich auch wieder Sieger, doch das war eher zweitrangig. Sieben junge Frauen (Tanja, Ela, Anna Remsey, Tara, Anne Gelis, Pauline und Inken) und ein junger Mann (Tristan) standen auf der Bühne, öffneten ihre Herzen mit häufig tiefgreifenden Worten und zeigten Mut, der durch Anerkennung des Publikums belohnt wurde. Eine tolle Veranstaltung mit hohem Kreativitäts- und Suchtpotential: Davon würden wir gerne mehr sehen und hören!

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