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Gewitterstimmung im Gemeindesaal Krankenhagen: Vom Pastor, der nicht bleiben darf

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An diesem Abend lag Spannung in der Luft. Der Gemeindesaal der Kirchengemeinde Krankenhagen füllte sich zusehends mit Menschen. Sie waren gekommen, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum Pastor Tobias Roggenkamp nach nur zehn Monaten gehen muss.

Tobias Roggenkamp trat im November vergangenen Jahres bei einem Begrüßungsgottesdienst offiziell die Stelle in Krankenhagen an. Zuvor war er 21 Jahre in der diakonischen Arbeit tätig und wurde mit einem festlichen Abschiedsgottesdienst in der St. Mauritius Kirchengemeinde in Dissen verabschiedet. In Krankenhagen lag eine 12-monatige Ausbildung zum Pfarrstellenverwalter vor ihm. Diese wird er jedoch nicht im Rintelner Ortsteil zu Ende bringen. Aufgrund einer Entscheidung der Landeskirche Hannover wechselt Roggenkamp in eine Kirchengemeinde im Kreis Hameln-Pyrmont, wo er einen „Neustart“ hinlegen muss und in der Ausbildung weitgehend von vorne beginnt.

Kirche in Erklärungsnot

Superintendent Andreas Kühne-Glaser mühte sich, die Wogen im Gemeindesaal zu glätten.

Wenn ein Pastor, der sich dem Vernehmen nach in so kurzer Zeit dermaßen gut in die Gemeinde eingefügt hat, plötzlich aus dieser „herausgerissen“ wird, stellen sich die Gemeindemitglieder Fragen. „Warum erfolgt die Versetzung jetzt und so plötzlich?“ „Warum hat man uns nicht vorher informiert?“ „Wie kann es sein, dass der bisherige Kirchenvorstand davon nichts wusste und der nahezu vollständig erneuerte Vorstand binnen weniger Wochen feststellt, dass es dem Pastor an Fähigkeiten mangelt?“ „Warum hat man ihm nicht frühzeitig Hilfe und Unterstützung zur Seite gestellt?“ Der Fall Roggenkamp brachte es in die Schlagzeilen der heimischen Presse. Verschiedene angebliche Gründe wurden für Roggenkamps Weggang aufgeführt. Im Dorf brodelte die Gerüchteküche und bevor das Fass überlaufen konnte, sah sich die Landeskirche zum Handeln gezwungen und berief die kurzfristige Gemeindeversammlung ein. So kurzfristig, dass selbst die Presse nicht vollständig informiert war und die Veranstaltung vorab nur bruchstückhaft ankündigen konnte. Gerüchten, wonach Roggenkamps Homosexualität einer der Gründe für seinen Abzug aus Krankenhagen sein soll, erteilte Superindentent Andreas Kühne-Glaser eine Abfuhr: „Das ist nie und nimmer der Grund für einen Wechsel. Er hat sich auch nichts zu Schulden kommen lassen.“

Gemeindemitglieder in Rage

Die Gemeindemitglieder waren sichtlich aufgebracht über den plötzlichen Weggang von Pastor Tobias Roggenkamp und suchten nach Antworten.

Es gebe viele Arbeitsfelder im Alltag eines Pastors, erklärte Kühne-Glaser. Nicht alle davon seien für die Gemeinde sichtbar und würden auch intern bearbeitet. Da habe es Probleme gegeben, wurde angedeutet, ohne zunächst allerdings konkrete Gründe zu nennen. Das wiederum brachte einige Gemeindemitglieder auf die Palme. Ortsbürgermeister Gerald Sümenicht ergriff als erster das Wort und äußerte sich „schockiert“ und „überrascht“ über die Neuigkeiten in der Kirche. Über kurzfristige, fast schon beiläufige Verkündung von Roggenkamps letztem Gottesdienst waren die Krankenhäger erstaunt. Dass sich die Menschen vor Ort vor den Kopf gestoßen fühlten, sah Kühne-Glaser ein. Auch, dass er an jenem Sonntag lieber selbst hätte vor Ort sein sollen, um die Neuigkeiten zu verkünden. An der Entscheidung der Landeskirche gab es jedoch nichts zu rütteln, auch das stellte er klar.

Die Emotionen kochten hoch, wie selten zuvor. Die von einigen kritisierte „Geheimniskrämerei“ um Roggenkamps Abberufung verteidigte die Kirche als „Schutzgrund“. Würde man Details preisgeben, gäbe man den Menschen nur weitere Gründe für Spekulationen, so der Tenor. Dennoch: Beim „Agieren in der Öffentlichkeit“, soviel war den Redebeiträgen von Kühne-Glaser zu entlocken, gebe es „Nachholbedarf“. Warum man das nicht früher erkannt und ihm in Krankenhagen jemanden unterstützend zur Seite gestellt hätte, schallte es aus den Zuschauerreihen.

Krankenhagen ohne Pastor?

„Keine leichte Entscheidung“: Mathis Burfien von der Landeskirche Hannover versuchte, Licht ins Dunkel zu bringen.

Harte Kritik kam von allen Seiten der Kirchengemeinde. „Unwürdiger Abgang“, „Für uns war das eine klare Sache: Das ist unser neuer Pastor“, „Er war ein toller Seelsorger, ob er ein guter Verwaltungsbeamter ist, ist uns sch…egal!“, „Wir sind menschlich von der Kirche total enttäuscht“ – waren einige der zahlreichen Schlagworte und Redebeiträge an diesem Abend. Ein weiteres Detail kam während der Sitzung ans Tageslicht. Der scheidende Pastor und sein Ehemann haben erst vor wenigen Wochen in Krankenhagen ein Haus gekauft. Kurz darauf folgte die Versetzung in eine andere Kirchengemeinde. Eine weitere Wortmeldung des Abends zeigt, wie aufgeladen die Diskussion war: „Die Kirche verbaut ihm den Weg, sein Leben ist zerstört.“

Dass die Kirche Probleme mit dem Personal hat, zeigt ein Blick ins Internet. Kreuz und quer durch die Presselandschaft der Bundesrepublik liest man von Nachwuchsmangel im Berufsstand des Pfarrers. Und von schwindenden Mitgliederzahlen in den Gemeinden. Klar ist auch: Es gibt in Krankenhagen eine halbe Pastorenstelle zu besetzen. Selbst für eine komplette Pastorenstelle sei es schwierig, Kandidaten zu finden. „Pastoren bewegen sich nicht“, war zu erfahren. Was Kühne-Glaser auch den Vorwurf einbrachte, mehr als „knallharter Konzernmanager“ zu agieren, denn als Kirchenmensch.

Dietmar Rehse vom Personalreferat der Landeskirche platzte angesichts der fortwährenden Diskussion der Kragen. Er warf einzelnen Gemeindemitgliedern lautstark vor, einen Graben zwischen dem alten und neuen Kirchenvorstand zu ziehen. Jeder Erklärungsversuch würde mit einer Vermutung seitens der Zuhörer quittiert, „da müsse doch noch etwas anderes vorgefallen sein“. Und ständig würde angesichts der Diskussion mit Kirchenaustritten gedroht. Kritik, die ehemalige Mitglieder des Kirchenvorstandes nicht unkommentiert stehen ließen – und ebenfalls lautstark (allerdings ohne Mikrofon) Gegenargumente vorbrachten. Es war eine verfahrene Situation, bei der es eigentlich keinen Gewinner geben konnte.

Der Einwand aus Reihen der Feuerwehr, die geschlossen hinter ihrem Pastor stand, Mitglieder des Kirchenvorstandes hätten im Dorf kommentiert, der Pastor sei während eines Feuerwehreinsatzes „händchenhaltend durch den Ort“ spaziert, sorgte für weiteres Raunen im Saal: Es habe sich dabei um eine Übung gehandelt.

„Aufgebracht, enttäuscht und wütend“

Aus den Zuschauerreihen wurde dem Kirchenvorstand Passivität vorgeworfen. Der konterte: Man habe lange über die Sorgen mit dem angehenden Pastor diskutierte. Schließlich habe man gemeinsam überlegt, die „Kuh vom Eis“ zu bekommen. Allerdings könne man sich nicht in die Einstellungsmodalitäten des Arbeitgebers, und das ist hier die Landeskirche, einmischen. Der Vorwurf, hier würde Wirbel „um einen Scheiss“ gemacht, brachte allerdings noch mehr Zuschauer gegen den Vorstand auf. Kühne-Glaser versuchte, die Situation zu beruhigen. Er könne verstehen, dass die Menschen enttäuscht, aufgebracht und wütend seien. Mathis Burfien, zuständig für den Nachwuchs bei der Landeskirche, erklärte: Nein, man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Pastor Roggenkamp habe innerhalb so kurzer Zeit in Krankenhagen bereits eine sehr hohe Wertschätzung erfahren. Ob allerdings eine Rückkehr Roggenkamps nach Krankenhagen nach Beendigung der Ausbildung möglich sei, liege nicht in seiner Hand, so Burfien weiter.

Besucher: Mangelhafte Kommunikation seitens Landeskirche

Am Ende kristallisierte sich heraus: Die Landeskirche hat eingestanden, Fehler begangen zu haben. Eine umfangreiche Ausbildung ohne Begleitung an der Seite des angehenden Pastors – das wird sich in dieser Form wohl nicht wiederholen. Die Entscheidung nicht überdenken zu wollen, empfanden an dem Abend offenbar nicht wenige als stur und uneinsichtig. „Wenn Sie den Mut von Frau Merkel hätten, würden Sie die ganze Geschichte zurücknehmen“, schallte es als Anspielung auf den aktuellen Fall Maaßen in Richtung Kühne-Glaser. Man hätte Tobias Roggenkamp von Anfang an unterstützen müssen, damit die Probleme, die sich demnach offenbar erst nach vielen Monaten und für die Gemeindemitglieder völlig überraschend gezeigt haben, hätten vermieden werden können. Ein Großteil des Ärgers, der den Kirchenvertretern aus den Zuschauerreihen entgegenschlug, ist ein Resultat mangelnder Transparenz und nicht nachvollziehbarer Entscheidungen. Die Mauer des Schweigens über die Beweggründe gießt zusätzliches Öl ins Feuer. „Die Gemeinde hat in kurzer Zeit zwei Geistliche verloren“, umschrieb Kühne-Glaser die Situation. Im August diesen Jahres war Ex-Pastor Helmut Syska verstorben. Jetzt der Weggang Roggenkamps. Die Arbeit in Krankenhagen bleibt bestehen und wird auf Pastoren aus dem Umfeld verteilt. So hätte man auch im Vorfeld agieren können, dann hätte es nicht soweit kommen müssen, so die Zuschauer. Fazit: Am Ende dieses Abends gab es keine Gewinner. Und das Demokratieverständnis einiger trug deutliche Blessuren davon.

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