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Adieu, Gymnasium: 111 Abiturienten am Ernestinum feierlich verabschiedet

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(Rinteln) Das wars. Für 111 Schüler des Gymnasiums Ernestinums ging am Donnerstag eine Ära zu Ende. Sie nahmen im Rahmen einer feierlichen Abschiedszeremonie ihre Abiturzeugnisse entgegen und verließen den Schulkomplex, der über acht Jahre ihr Leben prägte, als „Ehemalige“. Acht Jahre sind eine lange Zeit und doch andererseits so relativ kurz, wenn man sie mit den Weiten des Universums vergleicht.

Schulleiter André Sawade lud die frischgebackenen „Ehemaligen“ in acht Jahren zum Treffen ins Ernestinum ein.

Ein besonders heller Stern am Nachthimmel sei der Planet Sirius, umschrieb es Schulleiter André Sawade bei der Abschiedsrede an die Schüler und Gäste in der Aula. Dieser sei acht Lichtjahre von der Erde entfernt. Das Licht des Sirius, was man also heute nachts am Himmel wahrnehme, sei vor acht Jahren gestartet – genau zeitgleich mit der damaligen Einschulung der heutigen Abiturienten.

Die Ernestinum Big Band sorgte für den musikalischen Rahmen des Nachmittags.

Den Abi-Jahrgang 2019 zeichnet in vieler Hinsicht das Besondere aus. So ist es der letzte aus der „G8“-Reihe, im Volksmund auch „Turbo-Abi“ genannt. Alle künftigen Jahrgänge drücken wieder ein Jahr länger die Schulbank, was zur Folge hat, dass es im Jahr 2020 am Ernestinum keine Abiturienten geben wird. Also auch keine Abi-Zeugnisse, keinen Abi-Ball und auch keinen Abi-Kulturabend.

Maja Aechter-Künneke (li.) und Manuel Schäffer blickten auf eine spannende Zeit im Gymnasium zurück.

Bürgermeister Thomas Priemer nahm das Motto der letztgenannten Veranstaltung zum Anlass, den frischgebackenen Abiturienten alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Die letzte Veranstaltung im „Circus Abigalli“ sei beendet, unter tosendem Applaus verlassen die Artisten die Manege und steigen in den Zirkus der großen, weiten Welt ein. Ein Stück weit gleicht die Welt da draußen auch einer Manege, war zwischen den Zeilen zu hören. Doch „um auf dem Seil tanzen zu können“, müsse man „zuerst fest auf dem Boden stehen“ – daher gebührte der Dank an diesem Nachmittag auch den Eltern, die in ihrer Rolle als Begleiter, Motivator, Tröster und Unterstützer stets an der Seite ihrer Sprösslinge standen. „Ihre Eltern helfen Ihnen wieder zurück auf das Seil des Lebens, wenn Sie einmal abrutschen“, schmunzelte Priemer, „denn nur Fledermäuse lassen sich hängen“.

Bürgermeister Thomas Priemer wünschte den Abiturienten viel Erfolg im weiteren Leben und regte an, die Berufsausbildung in Rinteln durchzuführen.

Möglicherweise würden einige der Abiturienten Rinteln den Rücken kehren und vielleicht sogar auf der anderen Seite des Globus studieren, doch vielleicht, so Priemer, würden andere auch im schönen Rinteln bleiben und die Möglichkeit zu Ausbildung oder dualem Studium bei einem der hier vertretenen Unternehmen und Firmen nutzen. Viele kämen auch wieder zurück, wenn der Blickwinkel ein andere sei, und der Fokus zunehmend wieder auf die Familie gerichtet sei.

Freuten sich in einer humorvollen Gesangseinlage auf neue Schüler zum „quälen“: Die Lehrkräfte des Lehrer Chors mit Sven Rundfeldt (vorne).

Heinz Kraschewski überbrachte als Bürgermeister der Gemeinde Auetal Glückwünsche im Namen von Rat und Verwaltung und wies stolz auf die Zahl von 19 erfolgreichen Absolventen aus dem Auetal hin. Markus Struck, Vorsitzender des Schulelternrates, dankte den beiden Hausmeistern für offene Ohren und offene Türen, wenn es bei einer der zahlreichen Sitzungen abends mal etwas länger dauerte.

Gratulationen aus dem Auetal überbrachte Bürgermeister Heinz Kraschewski.
Der Abi-Chor nahm musikalisch Abschied von Lehrern und der Schulleitung.

Für die Abiturienten sprachen Maja Aechter-Künneke und Manuel Schäffer, thematisch an Goethes Faust angelehnt. Frei nach „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“, zogen sie Bilanz und stellten sich die Frage, ob sie etwa durch komplexe Mathematik oder die Analyse von Minnegesängen aus dem Mittelalter wirklich schlauer geworden sind? Unvergessen auch der Moment, als sie in der fünften Klasse an die Tafel blickten und diese mit komplexen Chemieformeln aus der Oberstufe vollgeschrieben war. Und dann die ganzen Zumutungen und Entbehrungen: Bloß nicht sitzenbleiben, dann muss man ja durch den Wechsel auf „G9“ zwei Jahre länger die Schulbank drücken.

Als Jahrgangsbester mit Note 1,1 wurde Manuel Schäffer (Mitte) ausgezeichnet.

Rauchverbot auf dem Raucherhof, Handyverbot auch in der Oberstufe, der Wegfall des Happy Night als Treffpunkt und die Suche nach neuen Einnahmequellen für den Abiball. Doch eins hätten sie durch Mathe auf jeden Fall gelernt: Das Casino gewinnt immer. Und als eine der wichtigsten Erkenntnisse: Schule ist nicht das Wichtigste im Leben. Freundschaften haben zusammengeschweißt, die Schüler sind politisch interessiert, demonstrierten gegen „Artikel 13“ und für den Klimaschutz, setzten sich gegen Rassismus, Intoleranz und für Frieden und Freiheit ein.

Die Besten des Jahrgangs wurden für besondere Leistungen ausgezeichnet. (Ohne bes. Reihenfolge) Laura Erkel, Jennifer Dannhoff, Neele Baake, Simeon Schäffer, Charlotte Mittrach, Malena Schulz, Lilly Vogt, Lena Kampmeier, Bierand Kelmendi, Isabell Baumann, Lorenza Neuhäuser, Ferris Dunkel, Caroline Enns, Florian Sprick, Aaron Kutz, Katharina Paulus, Lars Kaesberg, Jacqueline Dellin, Ellen Lehmann.

Oberstudienrat Martin Sturm sprach im Namen der Schule von den Herausforderungen auf der Suche nach Inhalten für eine Abi-Rede: „Bei Google gibt es 2,9 Millionen Treffer. Und dann gibt es Menschen, die Abi-Reden sammeln und ins Netz stellen.“ Jedes Zitat sei schon einmal verwendet, jeder Inhalt bereits genutzt worden. Als letzter G8-Jahrgang könnten die Schüler auf eine bewegte Zeit zurückblicken. Das N-Joy School-Rock-Konzert 2012, das Europaschulfest 2014, das 200-jährige Jubiläum des Ernestinums 2018. Zu feiern gab es eine Menge, zu prüfen – auch. So fanden in diesem Jahr „rekordverdächtig“ viele Nachklausuren statt, hinzu kamen die erschwerten Wetterbedingungen bei Nachprüfungen. Doch „jetzt sind Sie frei, wir schmeißen Sie raus“. Ihren Sinn für Humor bewiesen die Lehrer bei ihrem gemeinsamen Auftritt als Lehrer-Chor, wo sie den „Lohn der Mühen auf DIN A3“ besangen, dabei Coverversionen bekannter Hits nutzten und ankündigten, sich neue Opfer für „Arbeit, Test und Klausur“ zu suchen und hofften, die Schüler würden fortan auch ohne Stundenplan klarkommen.

Prof. Dr. Norbert Henze vom Abi-Jahrgang 1969 am Ernestinum lehrt heute Mathematik am Karlsruher Institut für Technologie.

Als besonderer Gast bekam Prof. Dr. Norbert Henze die Gelegenheit, Grußworte zu sprechen. Er ist Absolvent des Abi-Jahrgangs 1969 am Ernestinum, lehrt Mathematik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und ist auch auf YouTube zu finden. Henze erinnerte humorvoll an die Lehrbedingungen vor 50 Jahren, also man noch mit Schreibmaschine, Rechenschieber und gedrucktem Lexikon seine Referate vorbereitete. Seit dieser Zeit habe man die Compact Disc (CD) kommen und gehen sehen, ebenso die VHS-Kassette, den Mauerfall miterlebt und das Ende der Sowjetunion.

An einer Schule, so die Botschaft, komme es immer stark auf die Lehrer an. Henze erinnerte sich, als er im Alter von 15 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Rinteln gezogen sei und mit einer 3 im Fach Mathe den Berufswunsch eines Dolmetschers bei den Vereinten Nationen hegte. In der 9. Klasse nahm er bei einer promovierten, strengen Lehrerin Nachhilfe in Mathematik und war plötzlich wie umgepolt: „Sie hat erreicht, dass ich Mathe plötzlich verstand.“

111 Abi-Zeugnisse wurden in diesem Jahr ausgegeben. Die Durchschnittsnote lag bei 2,4.

Mit Ehrung der besten Abiturienten und Ausgabe der Abi-Zeugnisse wurde es dann wirklich ernst für die 111 Schüler. Es war an der Zeit, sich mit dem heiß ersehnten Zertifikat vom Ernestinum zu verabschieden. Die letzte Vorstellung war gelaufen, die Manege ist geräumt, die Artisten bereiten sich auf den Rückzug vor. Doch es muss kein Abschied für immer sein. In den kommenden acht Jahren stünden den Schülern zwar noch viele weitere, wichtige Entscheidungen bevor, sagte Schulleiter Sawade, allerdings könne man sich in acht Jahren (dann nämlich erreicht das heute ausgesandte Licht des Sirius die Erde) ja zu einem Ehemaligentreffen verabreden: „Die Einladung steht!“ (iv)

Für 111 junge Menschen ging am Donnerstag ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende und eine neue Tür öffnete sich: Sie nahmen ihre Abiturzeugnisse am Gymnasium Ernestinum Rinteln entgegen.

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