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„Am Ende der Nahrungskette leidet der Mensch“

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Anfänglich zeichnet Oliver Nacke, seines Zeichens seit Jahrzehnten ehrenamtlicher Naturschützer im NABU, ein düsteres Bild: Das Sterben der Insekten als Bestäuber ist ein weltweites Phänomen, ausgehend von der Studie des Entomologischen Vereins Krefeld zeigt sich ein dramatischer Rückgang von Wildbienen, Fliegen, Motten und Käfern bis zu 80 Prozent, welcher in plakativer Form von Nacke auf den Punkt gebracht wird: „Vor zwanzig Jahren musste man nach einer Fahrt nach Hamburg und zurück die Windschutzscheibe des Autos säubern, um wieder freie Sicht zu haben – wer kann sich daran erinnern, dies in jüngster Zeit getan haben zu müssen?“

Das Publikum im Mehrzweckraum der „Eulenburg“ pflichtete ihm in dieser Einschätzung aus der eigenen Alltagserfahrung bei, sodass manch einer der anwesenden Zuhörer nachdenklich wurde.

(Foto: NABU)

Was zunächst vorteilhaft anmutet, da man vielleicht weniger Scheiben putzen müsste oder weniger Ärger am nachmittäglichen Kaffeetisch hätte, hat laut Nacke gravierende Auswirkungen auf den gesamten Naturhaushalt: „Wissenschaftliche Erhebungen zum Insektenschwund gibt es aus dem Weserbergland nicht, jedoch jahrzehntelange ornithologische Beobachtungen.“ Der Rückgang der typischen Wiesen- und Feldvögel im Bereich Großenwieden zeigt laut Nacke, dass die auf Insekten angewiesenen Grauammern, Braunkehlchen und Kiebitze direkt unter dem Verschwinden der Insekten leiden. Insbesondere „Allerweltsvögel“ wie der Star – Vogel des Jahres 2018 – haben sich in 20 Jahren im Bestand von zwei Millionen Tiere auf eine Million Individuen halbiert. „Diese drastische Entwicklung zeigt, dass das Verschwinden der Biomasse an Insekten bereits in der Nahrungskette angekommen ist“, so Nacke weiter. Und auch für den Menschen wird dies Auswirkungen haben, wenn die Bestäuber der Kulturpflanzen wie Obst und Gemüse ausbleiben und die Erträge dementsprechend geringer ausfallen.

„In China gibt es Regionen, in denen die Menschen noch nie in ihrem Leben eine Biene gesehen haben – weil es dort keine mehr gibt. Stattdessen müssen sich die Menschen selbst als Bestäuber versuchen, um ihre Apfelplantagen zu bewirtschaften.“ Mittlerweile versucht man sogar, wie Nacke weiß, mit Bestäubungsdrohnen die fehlenden Insekten zu ersetzen.

Stauden statt Steinwüste

Droht uns dieses Schicksal auch? Und wie lässt sich diese Entwicklung stoppen? Nacke verharrt in seinem Vortrag nicht dabei, nach Schuldigen wie dem Einsatz von Insektiziden und Glyphosat zu suchen, sondern Lösungsansätze vorzustellen, die Mut machen: So kann jeder, statt eine naturarme Steinwüste anzulegen, seinen Garten mit Stauden und blütenreichen Wiesen zu einem Insektenparadies zu machen. „Und solche Gärten sind, wenn man sie richtig anlegt, keinesfalls arbeitsintensiv, ganz im Gegenteil“, wie der Naturschutzexperte Nacke betont. Auch sucht der NABU in Hessisch Oldendorf ganz gezielt Flächen zur Biotopvernetzung und schmiedet Allianzen mit Landwirten, Grundstückseigentümern und der Kommune, um Hecken, Obstbäume und blühende Wegraine sowie artenreiches Weideland zu schaffen.
Nacke betont, dass man lokal etwas anpacken und gestalten muss, um die Trendwende global zu schaffen. Gemeinsame Anstrengungen sind nötig, um den Insektenschwund zu stoppen, sodass sich in diesem Geiste auch im Publikum eine interessante Diskussion entspann.

Die Zuhörerschaft gab sich gegenseitig Tipps zur naturnahen Gartengestaltung und suchte nach Gleichgesinnten, um Gärten und landwirtschaftliche Flächen insektenfreundlicher gestalten zu können. Man konnte an diesem Abend den Eindruck gewinnen, dass Nacke mit seinem Engagement die Menschen angesteckt hat, sich für die heimische Insektenwelt zu engagieren. Wer dies tun möchte, bekommt bereits am 11. Januar 2019 um 19:00 Uhr Gelegenheit dazu, sich inspirieren zu lassen: Der Landschaftsgärtner Christian Voigt wird die erfolgreiche Veranstaltungsreihe zur Insektenwelt beschließen und über naturnahe Gartengestaltung referieren. (pr)

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